Fliegl & Mohr talkin‘ ‚bout: Imelda May, Life Love Flesh Blood

Fliegl & Mohr talkin‘ ‚bout:
Imelda May: Life Love Flesh Blood
(Decca/Universal)

Video “Call Me”:

Mohr: Es heißt ja immer, wenn Frauen was mit ihren Haaren machen, ändern sie ihr Leben – und genauso war es auch bei Imelda May, die zehn Jahre lang im stilechten, beinah comichaften 50s-Outfit inclusive Tolle gute alte Rockabilly-Zeiten hochleben ließ. 2015 ging ihre Ehe mit Gitarrist Darrel Higham in die Brüche, der nach der Scheidung auch Imeldas Band verließ. Nach kurzer Schock- und Trauerphase beschloss die irische Sängerin, buchstäblich neue Saiten aufzuziehen, der Rockabilly-Stil in Look & Sound kam ihr ohnehin verstärkt wie ein Korsett vor – auch wenn sie betont, dass sie Rockabilly immer geliebt habe und das bis heute tut. Aber klar, irgendwann ist mal Zeit für Veränderung, und für Miss May war der Punkt erreicht, eine andere musikalischer Richtung einzuschlagen.

Nun ist es sicherlich eine Frage der Einstellung und des Geschmacks, ob man Rockabilly und Rock’n’Roll für weniger geeignet hält, die persönliche Situation als gereifte Frau und Mutter abzubilden als andere Stile – und genau betrachtet entfernt sich Imelda May mit „Life Love Flesh Blood“ gar nicht sooo weit von ihren früheren Platten. Auf dem neuen Album schwelgt Imelda in Retro-Arrangements mit Blues-, Soul-, Gospel- und Jazzelementen, Produzent T Bone Burnett lässt Imelda alle Freiheiten innerhalb eines überwiegend nostalgischen Settings. Aber was soll man sagen? Die neuen Songs sind großartig, vor allem, weil Imeldas voluminöse Stimme noch besser zur Geltung kommt als früher. In Stücken wie „Call Me“, dem atmosphärisch aufgeladenen „Sixth Sense“ oder „Bad Habit“ zieht sie alle Register ihres Könnens, ihrer irischen Heimat setzt sie mit „The Girl I Used To Be“ ein emotionales Denkmal. Imeldas Wunsch nach Veränderung drückt sich in höchst leidenschaftlichem Einsatz aus, was ja nicht bedeutet, dass sie nicht mehr rocken will (siehe/höre z.B. „Leave Me Lonely“).

Als Gastmusiker zu diesem gelungenen Veränderungsprozess hat sie Jeff Beck und Jools Holland eingeladen, zur Band gehören nun Marc Ribot, Zach Dawes und Jay Bellerose – sieht alles sehr gut aus für Imelda, auch ihre Frisur!

Fliegl:
Tja, liebe Christina, bei der von Dir geschilderten ganzen Sachlage kommt mir nun die Rolle des – sagen wir mal – leicht indisponierten Liebhabers zu.
Es verhält sich in etwa so, wie wenn die Herzensdame aus dem natürlich viel zu langen Urlaub zurück ist und mit diesem verunsichernd ungewohnten Look um die Ecke kommt, sich vor Dich stellt und sagt : „da bin ich, that’s it now, find’s gut oder sieh zu wie du klar kommst, Herzchen.“
Ich meine, hey, hätte sie mich nicht mal fragen können was ich davon halte?!?
Naive männliche Weltsicht, auch klar.

Okay okay, sie ist ja alt genug, klar darf sie das, sieht ja auch immer noch supergut aus, aber ist das jetzt noch MEINE Imelda? Die mich sirenenartig in jeden Himmel und jede Hölle gelockt hätte, der ich wie ein Lemming in den Abgrund gefolgt wäre, deren Anblick und schiere Extravaganz mir allein schon Schweißperlen auf die Stirn trieb?!?

Also mach ich jetzt einfach das, was man uns Männern immer vorwirft zu selten zu tun: ich höre ihr jetzt einfach mal ganz unbefangen zu, was sie so umtreibt, vielleicht kann mich ja ihre Stimme beruhigen.

Los geht’s mit dem softsouligen Opener CALL ME, der ist mir schon mal zu belanglos.

Doch bei Nr. 2 kommt hier jetzt in BLACK TEARS mein persönlicher Guitarking Jeff Beck ins Spiel, mit gebremstem Schaum zu einer sehr verträumten Barstool-Nummer, ah,  jetzt: es taucht ein schummriger Nachtclubfilm vor meinem geistigen Auge auf, ein leicht schimmerndes Satinkleid mit Spaghettiträgern und farbgleichen hauchzarten Handschuhen. Oh yes I can hear you Dear !

Das folgende mir zunächst etwas schwelgerisch erscheinende SHOULD’VE BEEN YOU entpuppt sich beim Nachhören als ein absolut poptauglicher Song, der sich vor nichts und niemand verstecken braucht.

Track 4, SIXTH SENSE, kommt in einem jazzig-balladesken Look daher, das folgende HUMAN könnte original im Pop-Radio laufen, jedoch lässt die latin-artig instrumentierte Ballade HOW BAD CAN A GOOD GIRL BE die gestellte Frage ungeklärt im Raum stehen. Das war sie also, die A-Seite, da fehlt mir der Pfeffer, da ist aber Luft nach oben.

Zum Glück wird auf Seite 2 nachgelegt, hier mit der vielleicht noch am ehesten nach der Imelda von gestern klingenden selbstironischen Hommage an die shopping-affine Damenriege, BAD HABIT, es herrscht textliches Interpretationspotential vom Allerfeinsten, ich greife da besser wohl nicht vor, liebe LeserInnen.
Es folgt das Nachtbar-kompatible LEVITATE, eine sehnsüchtig-bittersüß vorgetragene Ballade, die einen in eine durchaus tageszeitunabhängige träumerische Melancholie versetzen kann.
Mit WHEN IT’S MY TIME kommt eine getragene New-Orleans-Nummer hammondschwelgerisch langsam schaukelnd einher, so wie ein feierlicher Dixieland-Trauerzug, das ganze Menue wird alsdann von ihrem prominenten Begleiter Jools Holland am Piano mit Zimt und Chili gewürzt und hinterlässt einem den Geschmack des alten Baumwollpflücker-Südens in der Kehle.

Als folgender Cocktail kommt der leidenschaftlich-magische Soul-Stampfer LEAVE ME LONELY welcher mir einen angenehm ohrwurmtauglichen Refrain hinhält, hier, mein Junge, leck mal dran, hmmm!
Wie ein finaler Digestiv besiegelt die selbstreflexiv vorgetragene Ballade THE GIRL I USED TO BE schliesslich das angerichtete Vintage Cuisine Menue.

Nach einem angemessenen Verdauungsnickerchen verbleibt der nicht ganz unvorbereitet vor vollendete Tatsachen gestellte Rezensent und Imelda-Verehrer etwas milde gestimmt wenn auch nicht wirklich zufrieden in seinem Fazit.

Hier schließe ich mich gerne der lieben Misses Mohr an: es darf einen nicht verwundern und ist wohl, sagen wir mal, normal, wenn eine gereifte Frau ernsthafter daherkommen möchte und sich neu tariert. Sie spielt ja auch mit genügend Musikergrößen mittlerweile, hat ordentlich Reputation gesammelt und eine fantastische, zutiefst bezaubernde Stimme, und aufgrund der letztlich überzeugenden B-Seite der LP kommt hier auch eine respektable Publikation daher, die eine vollzogene Richtungsänderung im musikalischen Leben der Misses May markiert.
Bei mir persönlich verbleibt trotzdem ein gewisser Leerraum, den eben genau die abgelegte Rockabilly-Lady-Attitüde passabel ausgefüllt hatte. Mit der Zeit wird aber auch diese Leere mit anderen Inhalten versehen werden, soviel Lebenserfahrung muss man haben.

Eine so erwachsene gereifte Künstlerin wird ihren Weg machen, da habe ich keine Zweifel. Diese zittrige teenagernervöse Verehrung, die vorher in mir war wird es allerdings so nicht mehr geben, auch da bin ich mir ziemlich sicher.

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Die Buchprokrastiniererin

Als vor Jahren ein Freund in meinem Bücherregal in Folie verpackte Exemplare fand, stammelte er fassungslos: „Also das ist ja… unglaublich… ein Sakrileg! Eingeschweißte Bücher im Regal – wie furchtbar!“
Ich antwortete, dass ich das keineswegs schlimm fände, im Gegenteil: die verpackten Bücher seien doch eine Verheißung, ein Versprechen auf noch nicht gewusstes Wissen oder noch nicht erlebte Geschichten. Außerdem würde ich sowieso bezweifeln, dass Leute mit besonders großen Bibliotheken alle Bücher tatsächlich gelesen hätten. Mein offenes Bekenntnis zum (noch) nicht gelesenen Buch dagegen sei doch näher an der Wahrheit dran.
Der Freund zog die Augenbrauen hoch und war nicht überzeugt. Und was soll ich sagen: Die damals noch eingeschweißten Bücher sind das bis heute. So viel zur Verheißung.

Oben beschriebene Szene betrug sich zu einer Zeit, als ich mich noch nicht als Laien-Pop-Journalistin betätigte, also noch nicht im großen Stile Rezensionsexemplare anforderte, die den heimischen Bestand noch mehr anwachsen lassen. Im Moment plagt mich das schlechte Gewissen in Gestalt dieses Stapels:

Lauter tolle, wichtige Bücher über Pop, Mode, Feminismus, yeah!  Einige schon angelesen, zwei noch nicht mal ausgepackt, aber immerhin zu thematischen Clustern zusammengeführt, siehe Beitragsbild. Ich hatte/habe einiges mit ihnen vor: Ich wollte und will immer noch Tim Mohrs (huhu, Namensgenosse!) leider ziemlich aufgeblähtes und wenig stringentes Buch über Punk in der DDR dem knackigen, griffigen und sinnfälligen „Pop 16. 100 Jahre produzierte Musik“ von Florian Sievers und Detlef Diederichsen und Tim Lawrences wirklich großartigem Buch (das hab ich tatsächlich schon zur Hälfte durch)  „Life and Death on the New York Dance Floor, 1980 – 1983“ in einem witzigen und kenntnisreichen Artikel gegenüberstellen, die höchst diversen Ansätze der Autoren, über Musik zu schreiben, definieren und vielleicht sogar zusammenführen. Wer weiß – das Thema hat großes Potenzial, so eine Besprechung würde ich wirklich gerne lesen, sollte mal jemand schreiben!

Auch gerne lesen würde ich den lang in mir herumgetragenen und wieder verworfenen Text über Gunter Erbes neues (naja…) Buch über den modernen Dandy (u.a. David Bowie,  Sebastian Horsley, Quentin Crisp – im Grunde erläutert Erbe hauptsächlich, wer alles kein Dandy ist; so viel habe ich immerhin schon mitgekriegt) in Kombination mit dem bei W. Fink erschienenen Reader „Die Lust zu Gehen“ über Flaneurinnen UND Barbara Vinkens inzwischen zu Recht zum Klassiker avancierten Buch „Blumen der Mode“ – muss halt nur erstmal geschrieben werden. Aber wäre das nicht interessant? Dandys, Flaneurinnen und Mode im Spiegel der Jahrhunderte? Und dann vielleicht noch was fürs Auge dazu, den großartigen Bildband „The Silver Age“ zum Beispiel mit Fotos des New Yorker Factory-Fotografen Billy Name, dessen Todestag sich jüngst zum ersten Mal jährte. Achtung, Spoiler: Names Bilder von Edie Sedgwick, Andy Warhol, Brigid Berlin oder John Cale sind wundervoll und glamourös, eigentlich die tollsten Fotos aus Warhols Factory.

Etwas unverbunden, aber dennoch interessant und lesenswert sind Gloria Steinems Autobiografie „My Life on the Road“ – schon jetzt ein Meilenstein der feministischen Literatur – und die gerade im Verbrecher Verlag erschienene Anthologie über Tanz im Film (zum Inhalt kann ich  noch nichts sagen: Das Buch ist ja noch eingeschweißt, tsss…), dessen Herausgeberinnenschaft nur das Beste verspricht.

Tja. Also Lawrence hat gute Chancen, durchgelesen und vielleicht sogar besprochen zu werden. Falls ich es nicht schaffen sollte: Besorgt es euch trotzdem unbedingt, es ist (sicherlich, vermute ich jedenfalls) eins der wichtigsten, lebendigsten, lesenswertesten Bücher zum Thema Disco-Kultur. Tim Mohr wird dagegen wohl im Mohr’schen Warteraum der un- und angelesenen Bücher verstauben. Gunter Erbe hat immerhin schon einen Platz im Regal sicher (in der Dandy-Ecke natürlich), die Flaneurinnen habe ich schon fast durch (na ja, das Kapitel, in dem Christiane Rösinger vorkommt; und Maren Lickhardts Ausführungen zu Irmgard Keun und Klaus Mann); Billy Names „Silver Age“ ist die Zukunft als Coffeetable-book gewiss;  Tanz im Film und Gloria Steinem stehen ganz oben auf der Liste der „Kofferbücher“, der Titel also, die mit in den Urlaub dürfen. Ob sie dort wohl gelesen werden… ich wünsche es ihnen sehr!

Barbie – The Icon

Mein persönlicher Lackmustest für dieses Buch war: Würde meine heißgeliebte Hawaii-Barbie auch vertreten sein? Nach kurzem Blättern fand ich sie, Baujahr 1977, in der Rubrik „Barbies of the World“: Hawaii Superstar Barbie, wunderschön, und im Buch mit ihrem Original-Bastrock, der meiner knapp 40-jährigen treuen Begleiterin leider schon vor einiger Zeit vom Leib gebröselt ist. Damit sie sich auch mal mit etwas anderem beschäftigt als mit ihrer Garderobe, habe ich die Hawaii-Barbie ins Bücherregal zu den Riot Grrrls gesetzt:

barbee

Kaum ein Spielzeug ist so umstritten, verhasst und verfemt wie die gute alte Barbie-Puppe, die in diesem Jahr ihren 57. Geburtstag feiert, inzwischen also die wilden Jahre hinter sich gelassen hat. Erfunden wurde sie vom amerikanischen Ehepaar Ruth und Elliot Handler und deren Freund Harold Matson, die gemeinsam die Firma Mattel gründeten – Barbies voller Name lautet übrigens Barbara Millicent Roberts, nur falls euch Günther Jauch mal die Millionenfrage stellen sollte.

Barbie war keineswegs die erste Ankleidepuppe der Welt, die ersten ihrer Art gab es schon im 13. Jahrhundert (in Frankreich selbstverständlich). Doch Barbie war von Anfang an eine Frau von Welt: In den frühen 1960er Jahren orientierte sie sich modisch an Jackie Kennedy, und schon bald wurde Barbie von namhaften Designern eingekleidet, die sich darum rissen, Outfits für die junge Schöne zu kreieren. Die Modewelt war nicht das einzige Aktionsfeld für Barbie, es gab sie auch im braven Hausfrauen-Dress zu kaufen. Epigoninnen gab es zuhauf, von Sindy aus den Seventies bis zu den zeitgenössischen Bratz – alle wollen von Barbies Fame etwas abhaben, aber: Das Original blieb und bleibt unerreicht.

Was hat man ihr nicht alles vorgeworfen: Ein unrealistisches Körperbild würde durch die Puppe propagiert (Forscher haben mal die Puppenmaße auf Menschengröße hochgerechnet: Eine so gebaute Frau würde schlichtweg vornüber kippen), ihre Outfits und Themenwelten würden gesellschaftliche Klischees reproduzieren, sexistische und rassistische sowieso (siehe Hawaii-Barbie). Klar, über all diese Dinge lohnt es sich, nachzudenken. Aber meine Hawaii-Barbie und die anderen Schönheiten, die ich besaß und die den Weg alles Spielzeugs gingen (Mülltonne, Flohmarkt, Spende an Kindergarten), mussten auch ganz schön was aushalten: Haare wurden gefärbt und geschnitten, mit Edding wurde Permanent-Make-up aufgetragen, Kleider zerschnipselt und von Oma geflickt oder neu genäht. Barbie kämpfte mit Playmobil-Bauarbeitern, Transformer-Figuren und Monchichis, ihre Glieder wurde von groben Mitschülern verdreht und ausgekugelt, sie wurde im Sandkasten verbuddelt, im Planschbecken ertränkt, und, die schlimmste Schmach: für ein Tütchen Lakritz an die kleine Schwester der besten Freundin verkauft, weil man sich inzwischen zu erwachsen für Doktorspiele mit Barbie und ihrem asexuellen Freund Ken fühlte.

Klar, Barbie und ihre Verwandten (Skipper!, Francie!, Kelly, Krissie, Stacey, Shellie!) bieten jede Menge Angriffsfläche, viele Gründe, sie schrecklich, zumindest zweifelhaft zu finden. Obwohl ihre MacherInnen sich wirklich bemühen, neben den glamourösen Model- und Fantasy-Welten mehr globalen Realismus ins Produkt einfließen zu lassen: Inzwischen gibt es unter dem Label „Barbie evolves“ auch dicke Brillenträgerinnen, verschiedene Hautfarben und Augenformen sowieso. Doch internationales Erfolgsmodell wird die dünne, hochbeinige Blondine bleiben, da muss man sich nichts vormachen.

Andererseits bietet kaum ein Spielzeug so viele Möglichkeiten zum kreativen Austoben – trotz oder wegen ihrer hemmunglosen, geradezu warhol’esken Oberflächlichkeit. Diese Eigenschaft haben viele KünstlerInnen erkannt (nicht nur die Modeschöpfer von Gucci über Lagerfeld bis Versace) und Barbie in ihrem Werk verarbeitet. Barbie – The Icon? Aber ja, natürlich: Der italienische Kunstprofessor Massimiliano Capella hat nun im New Yorker Verlag Glitterati Inc. ein angemessen prachtvolles Buch (mit stylishem schwarz-weiß gestreiftem Lesebändchen!) veröffentlicht, das üppig ausgestattetes Coffee table book und enzyklopädisches Kompendium in einem ist. Hunderte von knallbunten Abbildungen, eine Zeitleiste, Überblick über die verschiedenen Designer, die Barbie Haute couture auf den Plastikleib schneiderten, alle Verwandten, Produktlinien und zeitgemäßen Veränderungen werden gezeigt und erklärt – es wird sogar ein Blick in die Fabrik geworfen, man sieht Barbie ungeschminkt, in erschütternd verletzlicher, halbfertiger Form.

Was ich sagen möchte: Barbie ist nicht verantwortlich für das Unglück dieser Welt. Im Gegenteil, Mädchen wie dir und mir zeigte sie, dass es noch was anderes gibt außer Rittern, Matchbox, Dinos, Prügeleien.

Zum Autor:
Massimiliano Capella is a scholar of art and fashion, director of the Arte/Moda Archive of the Centro di Arti Visive at the University of Bergamo, and the curator of Arte & Moda section of the monthly Il Giornale dell Arte.

Massimiliano Capella: Barbie – The Icon (Glitterati Incorporated 2016)
ISBN: 
978-1-943876-11-2
208 pages,9.8” x 12.6” hardcover w/acetate jacket and ribbon marker with dangler
336 4-color artworks 

BARBIE THE ICON by Massimiliano Capella

 

Okay, das gehört auch dazu:
Aqua, Barbie Girl
http://www.clipfish.de/musikvideos/video/3213509/aquabarbiegirl/

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

Ein Buch, das von Antje Rávic Strubel übersetzt wurde, kann gar nicht schlecht sein, war mein erster Gedanke, als ich die Verlagsankündigung zu Lucia Berlins erstmals auf Deutsch erschienenen Stories las – außerdem: Eine Frau, deren echter Name Lucia Berlin lautet, wird schon interessante Dinge zu erzählen haben. Dazu der Titel des Bandes: „Was ich sonst noch verpasst habe“ – was da alles mitschwingt. Lakonie, Lebensüberdruss, gleichzeitige Vergnügungssucht… sehr verlockend, wie ich fand. Und was soll ich sagen? Lucia Berlin ist eine echte Entdeckung, ihre Geschichten unaufgeregt erzählt bei größtmöglicher vorstellbarer Dramatik.

Lucia Berlin wurde als Lucia Brown 1936 in Alaska geboren und starb 2004 in Marina del Rey (Buddy Berlin war ihr dritter Ehemann). Geschrieben hatte sie seit den 1960er Jahren, ungefähr zwanzig Jahre lang, Kurzgeschichten und Artikel u.a. für The Atlantic. Ab 1994 lehrte sie creative writing an der Universität von Boulder, Colorado. Ihr Leben ist reich an Unglücksfällen, Krankheiten und allerlei privaten Verstrickungen, die in ihre Erzählungen einfließen: Als Zehnjährige erkrankte Lucia an Skoliose, was sie dazu zwang, jahrelang ein Korsett zu tragen, das ihr Rückgrat aufrecht hielt. Diese so schmerzhafte wie demütigende, essenzielle Erfahrung ist Inhalt einiger Stories, die ihre Schulzeit (bzw. des dargestellten Mädchens) behandeln. Körperliche Versehrtheit kommt als Thema immer wieder vor, wird aber nicht als Kuriosum herausgestellt (das übernehmen ja die Mitmenschen zur Genüge). Gebrechen gehören zu Berlins Leben wie Alkohol- und andere Süchte, Entzug, Krankenhäuser, Arztpraxen, scheiternde Beziehungen, schwierige Mütter-Töchter-Konstellationen, sexueller Missbrauch von Verwandten, tot geborene Babies, Gewalt, Einsamkeit, Armut, Verzweiflung – die ganze Beschissenheit der Dinge eben, mit Würde erzählt. Das titelgebende Zitat stammt aus der Geschichte „Nach Hause finden“, in der die Erzählerin eine Sauerstoffflasche tragen muss, was sie zum tatenlosen Herumliegen auf der Veranda zwingt. Sie beobachtet einen Schwarm Krähen, der täglich zur selben Zeit wie auf ein geheimes Kommando „seinen“ Baum verlässt. Die Erzählerin ist weniger davon irritiert, dass die Vögel dies tun, sie ist geradezu verärgert, dass ihr dieses Phänomen zufällig aufgefallen ist – „Was habe ich sonst noch verpasst? Wie oft war ich in meinem Leben gewissermaßen auf der hinteren Veranda statt auf der vorderen? Was hat man mir gesagt, ohne dass ich es hörte? Welche Liebe mag es gegeben haben, die ich nicht spürte?“ Das Große Ganze im Kleinen/im Alltag zu entdecken ist eine der herausragenden Fähigkeiten Lucia Berlins. Manchmal sind die Begebenheiten von grausamer Wucht und Drastik – wenn man den letzten Satz hat sacken lassen und erst richtig kapiert, wovon da eben die Rede war. In „Mijito“ ist das zum Beispiel so: Aus zwei Perspektiven (Krankenschwester / junge mexikanische Mutter) wird die sehr kurze Lebens- bzw. Leidensgeschichte eines Säuglings erzählt. Am Ende ist er tot, zu Tode geschüttelt von der Mutter – wie es dazu kam, fügt sich wie beiläufig aus den zwei Stimmen. Die junge Mutter ist keine kaltblütige Mörderin, sondern Opfer ihrer Lebensumstände, „fuck a duck“ ist der einzige englische Satz, den sie sagen kann. Weniger traurig, eher von Tragikomik durchzogen ist das „Handbuch für Putzfrauen“ – lebenswichtige Tipps aus der Praxis, beim Lesen wird natürlich klar, in welch himmelschreiend ungerechtem Gesellschaftsgefüge diese Story angesiedelt ist. Realität in Berlins Leben und in dem ihrer ProtagonistInnen.

Übersetzerin Strubel schreibt über Berlin: „Lucia Berlin ist eine Melancholikerin, die das Lachen nie verlernt hat; das Absurde in der Verzweiflung sehen, im Schrecklichen das Schräge, darin ist sie groß.“

Nehmt das als unbedingte Leseempfehlung.

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe. Stories (Arche, 383 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag)

Herausgegeben von Stephen Emerson, übersetzt von Antje Rávic Strubel

http://www.dtv.de/buecher/berlin_was_ich_sonst_noch_verpasst_habe_812742.html

Punk & Noise from the U.S. of A.

Chaos in the City of Angels and Devils. Hollywood from X to Zero & Hardcore on the Beaches: Punk in Los Angeles 1977 – 81 (Soul Jazz Records)
https://soundsoftheuniverse.com/

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Los Angeles ist wohl die mythenumwobenste Stadt der Vereinigten Staaten, und das nicht nur wegen Hollywood: Die Manson Family, Westcoast-Sound, Gangsta Rap, N.W.A., Phil Spector, Frank Zappa, Rodney Bingenheimer, Timothy Leary, L. Ron Hubbard, Captain Beefheart, The Runaways und Kim Fowley stammen aus der „city of angels and devils“ und sind doch nur Bruchteile dieser diversifizierten und glorifizierten Metropole. Und natürlich gab und gibt es auch eine eigenständige Punkszene, die sich bewusst von den Eastcoast-Kontrahenten aus New York abhob. Notgedrungen, denn Punk aus L.A. wurde von der Plattenindustrie weitgehend ignoriert – was dazu führte, dass viele Bands abwanderten und ihr Glück an der Ostküste versuchten. Diejenigen, die blieben, sind mitverantwortlich für eine der trotzigsten und eindrucksvollsten Punk-Szenen der Welt: Bands wie X, The Germs, The Zeros, The Urinals und The Weirdos gehören zu den bekanntesten Vertretern der sogenannten „ersten Welle“ der mittleren bis späten 1970er Jahre, die auf den zeitgleich entstandenen Independent-Labels Bomp!, What? und Dangerhouse veröffentlichten; in den Achtzigern formierten sich Hardcore-Bands wie The Circle Jerks, Adolescents und T.S.O.L.

Das Londoner Label Soul Jazz Records hat sich der Sicht- und Hörbarmachung unterschiedlichster Punk-Entstehungsorte und ihrer jeweiligen Besonderheiten verschrieben: In jüngster Vergangenheit erschienen hervorragend ausgestattete und zusammengestellte Compilations zu Punk aus Cleveland, Akron, zu Underground- und Proto-Punk und natürlich Punk aus Großbritannien. „Chaos in the City of Angels and Devils“ ist der sechste Sampler der Reihe und es überrascht beinahe, dass L.A. erst jetzt dran ist – andererseits ist es natürlich sinnvoll und lobenswert, Städte, deren kultureller Underground weniger Aufmerksamkeit genießt (wie z.B. Akron), vorzuziehen. Die L.A.-Compilation überzeugt mit breitgefächerter Auswahl von Früh- bis Hardcorepunk, man kann die Linie vom Urknall rund um den Masque-Club in Hollywood bis zum Skate- und Surfpunk der Beach-suburbs nachvollziehen – der Energiepegel bleibt 22 Tracks lang ungebrochen hoch. Wie immer bei Soul Jazz-Veröffentlichungen gibt es ein fettes Booklet mit wichtigen Details und tollen Fotos, die bezeugen, dass es im L.A.-Punk auch viele Frauen gab: Exene Cervenka als eindrucksvolle Sängerin von X, die junge Belinda Carlisle trommelte unter dem Pseudonym „Dotty Danger“ bei den Germs, und und und. Aus dem Westcoast-Punk im Nachhinein eine feministische Szene zu machen, ist allerdings doch zu weit hergeholt, die Mehrzahl der Punk-Protagonisten war männlich – dennoch: Der Sampler birgt neben den Bekannten (X, Iggy & The Stooges, Germs, The Dils) jede Menge Entdeckungen wie The Simpletones oder The Hollywood Squares.

X live:

 

New York Noise: Dance Music from the New York Underground 1977 – 1982

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Knapp 4.000 Kilometer Luftlinie bzw. 2.500 Meilen östlich von Los Angeles liegt New York – kann man entweder in ca. 40 Stunden mit dem Bus bewältigen oder in gut fünf Stunden via Flugzeug. Enorme Entfernung auf demselben Kontinent, nicht nur räumlich gesehen. Während der Punkrock von der Westküste wütend, hart und kompromisslos klang, experimentierten die New-York-City-Punks mehr herum, viele MusikerInnen kamen ohnehin von der Uni und waren mehr arty als knallhart. Clubs wie das CBGB oder Max’s Kansas City waren die Hauptversammlungsorte der Szene ab den mittleren Siebzigern, die populäre Acts wie Blondie, Talking Heads und die Ramones hervorbrachte – die allesamt wohl kaum als Hardcore gelten können. Aber auch: Früh-Elektro-Pioniere wie Suicide und Post-Prog-Bands wie Television. Als Kommentar, Gegen- bzw. Parallelbewegung zum allgegenwärtigen Punk entstand ab den späten 1970ern eine ungemein umtriebige Szene, die Punk mit Wave, Funk; Impro-Jazz und Disco mischte, dabei jedoch nie in den Ruch der Kommerzialität geriet. „No Wave“ hieß die Parole – und kein Geringerer als Brian Eno erkannte das kreative Potenzial dieser neuen, nervösen, unruhigen, nicht klassifizierbaren Musik und stellte 1978 den Sampler „No New York“ zusammen, auf dem Bands wie James Chance and The Contortions, Teenage Jesus and The Jerks und Mars vertreten waren – eine Auswahl, die nicht allen New Yorker Noise-MusikerInnen gefiel, warum überhaupt mischte sich Brian Eno hier ein? Doch Zwistigkeiten wie diese verhinderten glücklicherweise nicht, dass weiterhin scharfkantige Tanzmusik von intellektuellen KünstlerInnen wie Arto Lindsay, Alan Vega oder Helen Fordsdale gemacht wurde, die in keine Schubladen passten – egal, ob No oder No No New York. Bei Soul Jazz (schon wieder ;-)) erscheint nun die Neuauflage der vor bereits zehn Jahren veröffentlichten Compilation „New York Noise“ in beinah unveränderter Aufmachung und Auswahl. Aus Lizensierungsgründen fehlen auf der 2016er-Ausgabe leider die wegweisenden Liquid Liquid und ESG, deren Werk  man sich unbedingt gesondert zu Gemüte führen sollte. Nicht minder wegweisend und genauso wichtig und hörenswert sind natürlich auch alle anderen Bands und KünstlerInnen: The Dance, The Contortions, Bush Tetras, Mars, Dinosaur L (nicht Jr!), Lizzy Mercier Descloux, Implog, Konk oder Theoretical Girls. Auch in New York: viele Frauen in mover- und shaker-Position.

Bush Tetras: Too Many Creeps

Mohrdorf & Fliegler talkin‘ about: Girlschool, Guilty as Sin

girlschool band

Fliegler:
„Liebe Misses Mohrdorf,
man sagt ja nichts Gutes über die Küche aus dem Inselreich, fad sei sie,
ideenlos, unpassend zusammengestellt, etc., was zeitlebens ein schlechtes Licht auf Englands Küchenchefinnen warf und diese im Schatten darben ließ. Möglicherweise hiervon tüchtig genervt hatten sich dereinst einige wackere Maiden bereits schon in ihrer Mädchenschule zusammenverschworen, denn wenn schon die heimischen Kocherzeugnisse nichts dahermachten, so sollten doch wenigstens Verstärkern und P.A.-Anlagen in Clubs, auf Festivals und in den Hallen der großen weiten Welt deftig gewürzte Klänge entspringen um die Leidenschaft der Menschen da draußen zu
entfesseln. Das Rezept ging auf, seit nunmehr 1978 serviert nun der
Schülerinnen-Geheimbund von GIRLSCHOOL der Welt einen pikanten
Ohrenschmaus nach dem anderen. Wobei die Reizpunkte durchaus sparsam aber mit voller Wucht gesetzt werden, zuletzt 2008, da war es höchste Zeit für ein – sagen wir mal: Chili-Cookoff, was sie kürzlich unter dem Namen „Guilty As Sin“ sein sinnenverzehrendes Aroma verbreiten ließen. Mich lud man 1992 zum Barbecue in die Alsfelder Hessenhalle, in welcher GIRLSCHOOL mit Wishbone Ash, Uriah Heep und Molly Hatchet das Line-Up abgaben, blöderweise gab’s nur noch wegen falschem Timing sozusagen ein Resteessen, da nämlich die Damen das Oeuvre kredenzten und uns zum persönlichen Frust nur noch einige spärliche Töne vergönnt waren.
So, und jetzt kramen Sie doch mal Ihr Erinnerungs-Rezeptbuch durch und
verraten uns mal was über Ihre Initiation in die Mädchenschule!“

Mohrdorf:
„Ach super, Mr. Fliegler, wie Sie immer so pikant gewürzt formulieren – ein
wahrer Festschmaus!
Also meine Girlschool-Geschichte ist bis dato sehr kurz und knapp: Als junge
Pop-Elevin las ich alle Musikzeitschriften, die ich in die Finger bekam. Ich
kannte also schon ganz viele Bands mit Namen und wusste wie sie aussahen,
ohne einen Ton gehört zu haben. Das ging mir mit Girlschool auch so, von denen
ich (mutmaßlich) in der BRAVO gelesen hatte. In meiner Vorstellung war das eine
ganz coole Truppe, klar, nur Frauen gab’s selten genug (außer den
Runaways)! So, und dann irgendwann hörte ich sie doch, wahrscheinlich im Radio oder im Musikladen… Jedenfalls hörte ich Girlschool im Doppelpack mit MOTÖRHEAD, „Please don’t touch“ hieß das donnernde Meisterwerk, dessen pure Wucht mich kleines Mädchen durch die Wohnstube schmetterte – ich war begeistert! SO musste Hardrock klingen und nicht anders: Wild, gefährlich und ein bisschen anrüchig. I shaaaaake too much röhrte Lemmy und die Damen hämmerten dazu, grandios.

Girlschool & Motörhead: Please don’t touch

Fliegler:

„Der Name Lemmy treibt mir mal wieder die Tränenkanäle zum Überlauf, ein
herber Verlust, den auch die geschätzten Girlschülerinnen schwerlich
verkraften dürften. Nicht nur war Lemmy immer schon ein echter Freund & Mentor der Band sondern hatte sie ja auch zur aktuell letzten bzw. noch nicht vollendeten Tour im
Line-Up. Was ja letztendlich auch unser geplantes Offenbach-Meeting zunichte machte, denn wir wollten ja den zweiten Tourteil livehaftig miterleben und unter diesem Eindruck
nochmals die Albumpublikation in Angriff nehmen. Aber 1. kommt es anders, und 2.
komme ich jetzt zu eben besagten Album, „Guilty As Sin“. Bevor wir uns fragen,
welcherlei Sünden sich die Rockerinnen schuldig gemacht haben überrumpelt mich
zunächst mal der Auftaktsong COME THE REVOLUTION, wie der Name richtig folgern
lässt ein echter Aufruf zur Revolution, den Denise Duford mit malmendem
Stakkato beeindruckend herbeitrommelt. Überhaupt, diese bereits von Debbie Harry besungene Denise, ich finde sie ist von Ihrer Ausstrahlung her das Yang zum ebenso wie Lemmy kurz vorher verstorbenen Motörhead-Drummer Philthy „Animal“ Taylor. Ich mag sie sehr, sie ähnelt mit fortgeschrittenem mittleren Alter irgendwie den
übermenschlich-unterirdischen Morlocks aus der ersten Zeitmaschine-Verfilmung
von H. G. Wells, eine echte Sleaze-Rockerin, der man ein grosses Herz, aber auch
eine wildentschlossene Kratzbürstigkeit zutraut.
Welchen Stellenwert, verehrte Frau Mohrdorf, bemessen Sie den Aktricen, und wie
verlief Ihr erster Höreindruck?“

Mohrdorf:

„Ach ja, lieber Fliegler, ich würde echt gern positiver über „Guilty as Sin“
urteilen – aber das ist ja HARDROCK! Ok, das ist jetzt keine überraschende
Erkenntnis, aber nicht wirklich mein Lieblingsgenre. Klaro, es gibt Ausnahmen
wie die bereits erwähnten Motörhead – oh Mann, ich bedaure es SO SEHR, dass
wir uns dieses Monster-Paket (Girlschool, Motörhead, Saxon) nicht in
Offenbach zusammen angucken können. Tragisch!
Zurück zu Girlschool: Natürlich rocken sie hart, die Ladies Kim, Enid, Jackie
und Denise, das erkenne ich schon und verteile dafür auch gerne jede Menge
Sternchen. „Treasure“ und „Take It Like A Band“ finde ich super, auch
die Coverversion von „Stayin‘ Alive“ ist klasse, das haben sich die Bee
Gees so wohl nicht träumen lassen 😀
Mir gefällt auch sehr, dass die vier Engländerinnen nicht wie z.B. Doro einen
auf Fantasy-Walküre machen, sondern einfach eine harte, laute, kompromisslose
Platte machen, als gäb’s kein Gestern und kein Morgen. Und es ist ja auch so:
Hardrock wie auf „Guilty as Sin“ ist so zeitlos wie Karomuster und die Pint
im Pub. Aber für meinen Geschmack halt auch ein bisschen festgefahren, das
kreist immer um dieselben Themen und Riffs! Ich weiß ja, das muss so. Aber
ehe ich hier anfange über etwas zu lamentieren, was keinen Sinn hat, verlege
ich mich lieber darauf, die Damen aus der Mädchenschule dafür zu loben, dass
sie sich von der männlichen Konkurrenz nicht ins Boxhorn jagen lassen. Ich
sag’s mal so: Wenn Girlschool nach Wacken kämen, wäre das für mich ein
Grund, endlich mal die Reise zum Festival in den hohen Norden anzutreten – da
geht’s ja auch nicht nur um die Musik ;-)“

Fliegler:

„Und, liebe Misses, diese Furien bringen die wackenmatschverschmierten Locken der
Metalheads jeden Alters zum Kreisen, da würde ich einige Taler drauf verwetten!
Ich persönlich würde mich auch nicht als eingefleischten Met’ler bezeichnen, aber für solche Riffrocker wie GUILTY AS SIN würde ich mir sogar eine Lockenperücke aus dem Kostümverleih zum stilechten Bangen aufsetzen.
Übrigens: im Gegensatz zu Ihrer Meinung vertrete ich die Auffassung, dass das, was
einmal als richtig und gut erkannt wird nicht verbesserungswürdig sein
braucht. Auch wenn wie in TAKE IT LIKE A BAND eine gewisse Abgeklärtheit über den
Rock’n’Roll-Touralltag durchblitzt, hier kommen vier gestandene Weibsbilder mit
einem überzeugendem Drive daher, denen selbst grimme Schwarzmetaller keine
Schweißperle auf die Stirn treiben.
Und ich stimme Ihnen gleichwohl zu: das mittigtemperierte „Treasure“ hat echte
Qualität, das erinnert mich gitarrentechnisch an Neal Schon’s Journey. Schlicht nicht unter den Teppich gekehrt werden darf auch AWKWARD POSITION, weil
diese daraus besteht, dass man sich ertappt wie man den saftigen Ohrwurm-Refrain
mit anstimmt. Da ich ja auf Coverversionen stehe, insbesondere auf welche, die nicht vor Genregrenzen zurückschrecken, ist natürlich mit dieser STAYING ALIVE-Version das australische Schmalzbrudertrio rehabilitiert… und ich stelle erfreut fest: das explosive Pulver ist nach den ersten Krachern noch lange nicht verschossen, die folgenden sechs Songs stehen den Ersteren sowas von überhaupt nicht nach, das ist nach mehrmaligem Hören immer noch nicht erschöpfend erforscht, ich muss das auf jeden Fall mal hören wenn ich gut mit Alkoholika gespickt bin 🙂
Was die vier Ladies hier aus ihrem Hochofen geschmolzen und geschmiedet haben kann mal ganz locker den Blinker auf dem Heavy-Metal-Highway setzen und nötigt mir
größten Respekt ab.
Obendrein noch solche Motörhead-mäßigen Turbolader wie NIGHT BEFORE oder das
hymnenartige EVERYBODY LOVES SATURDAY NIGHT und letztlich die zwei Bonustracks runden das britische Chili mit Stahleinlage akustisch perfekt ab.
Alles in allem hat sich das Warten auf die nächste Mädchenschulenlektion
gelohnt, hier werden alle Hard’n’Heavy-Gelüste gestillt, das ist überhaupt
kein langweiliger Old-But-Gold-School-Metal, mit Speed- und Glam-Prisen gewürzt und perfekt abgerundet, es hinterlässt in mir das Gefühl, dass in dieser viel zu oft kalten und hässlichen Welt ein paar äußerst toughe und grossherzige Kämpferinnen da sind, die den Rock’n’Roll verteidigen wenn’s gilt, und den früh- und spätpubertären Metalbuben wenn’s sein muss auch mal eben das bäng-müde Köpfchen an die mütterliche Nietenbrust drücken (was mir aufgrund unserer bekanntermaßen traumatisch gescheiterten Offenbach-Mission selber gut täte, nur mal so am Rande…).“

Mohrdorf:

„Okay, okay, ich hör mir „Guilty as Sin“ nochmal an. Aber dann darf ich wieder Electro, ja?“

 

www.girlschool.co.uk/mainindex.htm

 

Chrissie, Ronnie, Joan etc.

Wie lautet nochmal dieser Spontispruch? „Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin“ – keine Sorge, es geht hier nicht um das ähnlich betitelte Buch von Ute Ehrhardt aus den frühen 1990er Jahren, in dem „uns Frauen“ beigebracht werden sollte, wie mutig und wichtig es ist, mal ordentlich auf den Tisch zu hauen bzw. selbigen nicht mehr unhinterfragt zu decken. Zahmer, lahmer Kuschelfeminismus im Taschenbuchformat war das.

Gar nicht kuschlig zeigte sich unlängst Pretenders-Chefin Chrissie Hynde, als sie in einem Interview sinngemäß zu Protokoll gab, dass weibliche Vergewaltigungsopfer meistens selbst schuld seien – puha, harter Tobak von einer Frau, die doch als role model für Generationen von MusikerInnen galt und gilt. Wollte sie nicht Handgranaten in McDonalds-Filialen schmeißen, und ist überhaupt eine der coolsten und integersten female rockstars ever? Ihre Autobiographie „Reckless“ (super übersetzt von Kirsten Borchardt!) erklärt ihre streitbare Aussage zu Vergewaltigungen nicht, gibt aber tiefe Einblicke ins Leben und Wirken der Musikerin aus Akron, Ohio, die zu den festen Größen des Rockbiz gehört. Interessant ist, dass Hynde um ihren Status als weiblichem Topstar kein großes Gewese macht – dass sie eine der bedeutendsten Bandleaderinnen und Rockgitarristinnen ist, kommt eher so nebenbei durch. Ausgiebig berichtet sie von ihrer Kindheit und Jugend, ihren Freundinnen, ersten Konzertbesuchen und ersten Gehversuchen als Musikerin. Und sie macht kein Hehl aus ihren vielen alkohol- und drogenbedingten Abstürzen, den vielen gefährlichen Situationen, die sie überlebte – jahrelang verkehrte sie in Rockerkreisen, was buchstäblich lebensgefährlich für sie war. Vielleicht stammt aus dieser Zeit ihre knallharte Ansicht in punkto Vergewaltigungen, sie selbst war mehr als einmal Opfer, eine Rolle, die ihr überhaupt nicht gefällt. Umso tougher ist sie als Bandleaderin, als sie nach unzähligen erfolglosen Versuchen und -zig Umzügen zwischen Akron, Paris und London endlich die Pretenders gründet. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis diese Band zustande kommt – davor arbeitet Chrissie als Bedienung, Journalistin und in verschiedenen anderen Jobs, für die sie sich aber stets ungeeignet fühlt. Interessanter Aspekt: Ausgerechnet die arschcool und selbstbewusst erscheinende Chrissie Hynde muss viele Jahre des Suchens, Ausprobierens und Scheiterns hinter sich bringen, bis sie im Postpunk-London endlich ihren Traum verwirklichen kann. Die Hochphase der frühen Pretenders ist allerdings kurz: Binnen weniger Monate sterben 1982 ihre Mitmusiker Pete Farndon und James Honeyman-Scott an ihrer Heroinsucht. Geschockt macht Chrissie mit neuen Musikern weiter, die Pretenders werden zu einer der erfolgreichsten Bands des Planeten – bis heute ist Chrissie Hynde mit wechselnden Besetzungen unterwegs.

Ihr Buch lohnt die Lektüre aus vielerlei Gründen – es gibt natürlich auch ein bisschen Gossip, zum Beispiel, wie sie mit Iggy Pop im Bett landet… doch Hynde hängt ihre Liebesgeschichten mit berühmten Leuten nicht an die große Glocke. Dass sie mit Kinks-Legende Ray Davies und Simple-Minds-Sänger Jim Kerr verheiratet war, ist nicht mehr als eine Randnotiz im Buch. Erstaunliche Frau, tolles Buch!

Brass in Pocket:

joan runaways

Es lohnt sich immer, vor allem die ersten beiden Pretenders-Platten mal wieder anzuhören – aber wenn man schon im Themenkomplex wilde Frauen im Rock’n’Roll diggt, kommt man an einer Band nicht vorbei: den Runaways. Von ihnen ist die Geschichte überliefert, dass sie einem nervigen Typen eine Limo aus 10 % Saft und
90 % Pisse einflößten – soviel zu ihrem Umgang mit Großmäulern. 1975 gründeten die damals 15-jährigen Joan Jett und Sandy West in Los Angeles eine Band: Sie sollte nur aus Frauen bestehen und genauso hart rocken wie die angesagten Jungsbands, großes Vorbild war Suzie Quatro. Der Legende nach wurden die Runaways von Rock- und Punk-Impresario Kim Fowley gecastet, was allerdings nicht stimmt – er traf auf die Band, als sie bereits existierte und machte sie sozusagen „flott“ fürs Big Business. Mit ihrem ersten Album und der Single „Cherry Bomb“ schlugen die fünf Ladies (Jett, West, Micki Steele, Jackie Fox, Cherie Currie) ein wie eine Bombe – weltweit, vor allem aber in Japan, wo sie die Leute schier um den Verstand brachten. Die Runaways existierten in der Ursprungsbesetzung nur bis 1979, ihr Einfluss ist aber bis heute spür- und hörbar. Millionen junger Mädchen identifizierten sich mit den (nur äußerlich!) zuckersüßen Musikerinnen, die in Songs und Texten das Elend und die Glorie des Teenagerdaseins thematisierten. Dass sie in ihren sexy Lederklamotten und bis zum Bauchnabel aufgeknöpften Blusen alle Klischees von Lolita bis Domina bedienten, gehörte zum Deal und wirkt in Kombination mit der für heutige Ohren vergleichsweise braven Musik (Bluesrock’n’Boogie mit leichten Punkanklängen) ziemlich niedlich. Aber hey: Das war 1976! Und Joan Jett an der Gitarre! „Cherry Bomb“! Das erste Album wurde gerade bei Cherry Red re-released – inklusive ausführlicher Linernotes und tollen Fotos.

Cherry Bomb:

ronnie

Auch ein wirklich wildes Ding war und ist Veronica Yvette Bennett alias Ronnie Spector,  auch heute noch im Alter von 72 Jahren, siehe ihre jüngsten Liveauftritte. Mit ihrer Schwester und einer Cousine gründete die gesangsbegeisterte Halb-Cherokee-, Halb-African-American-New Yorkerin die Ronettes, als sie noch Teenager waren. Die Ronettes wurden mit den Supremes und den Shangri-La’s zu Girlgroup-Superstars und bestanden bis 1966 (!). Hitproducer Phil Spector riss sich das Trio unter den Nagel – und Ronnie als Gattin obendrein. Hits wie „Be my Baby“, „Baby I Love You“ (das ja auch mal die Ramones herzzerreißend schön gecovert haben – auf ihrem von Phil Spector produzierten Album „End of the Century“) oder „I Can Hear Music“ machten die Ronettes unsterblich. Ronnies Lebensgeschichte ist zu turbulent, um sie hier wiederzugeben – einen prima Eindruck von Ronnies Temperament erhält man aber schon vom puren Zuhören. Rein zufällig gibt es eine neue Best-of, nein sogar eine „Very Best of Ronnie Spector“: Neunzehn Klassiker und Hits, dazu supertolle Kooperationen wie zum Beispiel „Baby Please Don’t Go“ mit der E-Street-Band oder „You Mean So Much to Me“ mit Southside Johnny. Get Ronnie, get wild!

Chrissie Hynde: Reckless. Mein Leben (Heyne Hardcore, Gebunden mit Schutzumschlag, 420 Seiten, viele Abbildungen)
Übersetzt von Kirsten Borchardt
ISBN-13:
978-3453270534

The Runaways (Re-Release Cherry Red 2015, Original Phonogram 1976)

The Very Best of Ronnie Spector (Sony Music / Legacy 2016)