So many books and so much music – so little time

So wie es manche Leute für ihr Seelenheil benötigen, „zwischen den Jahren“ die Steuererklärung zu machen oder den Keller auszumisten, ist es mir ein Bedürfnis, die Platten und Bücher zu würdigen, für die ich vollmundig Besprechungen angekündigt hatte – und genau das schlicht nicht geschafft habe. Und ich meine nicht die verzichtbaren Veröffentlichungen, die man peinlich berührt, gelangweilt oder angewidert unter den Tisch fallen lässt, sondern richtig gute Sachen…

… wie zum Beispiel Matthew Collins Buch „Rave On“, das im Sommer in deutscher Übersetzung bei Hannibal erschienen ist – passend zum 30. Geburtstag von Techno also. Vor gut zwanzig Jahren schrieb Collin zusammen mit John Godfrey sein erstes Buch über Techno: „Altered State – Im Rausch der Sinne“. In „Rave On“ untersucht er, wie sich die Szene(n) gewandelt haben – und zwar weltweit. Collin nimmt seine Leserschaft mit auf eine elektromusikalische Reise von Detroit über Berlin und Ibiza, aber auch an weniger naheliegende Orte wie Südafrika oder die Arabischen Emirate. So entsteht – mit jeder Menge Namedropping und Dancefloor-Feeling – ein aktuelles globales Bild von Techno. Ganz ohne Nostalgie und „weißt du noch…“-Schwelgereien.

Oder: „Homo Punk History“ von Philipp Meinert, erschienen bei Ventil. Eine längst fällige Untersuchung, die sich schwulen, lesbischen, queeren Punk-ProtagonistInnen widmet – so persönlich wie nötig und umfassend wie möglich, mit zum Teil erstaunlichen Details. Schwerpunkt liegt auf schwulen Männern, aber das ist auch schon der einzige Kritikpunkt.

Ich habe nicht nur Musikbücher nicht besprochen: Unda Hörners schönes Buch „1919. Das Jahr der Frauen“ zum Beispiel verdient Lob und Lektüre en masse. Andererseits steht das hundertste Jubiläum des geschichtsträchtigen Jahres 1919 ja erst noch an, es ist also keinesfalls zu spät, auf  dieses Buch hinzuweisen: Vor hundert Jahren wurde beispielsweise das Frauenwahlrecht in Deutschland durchgesetzt – im Frankfurter Historischen Museum kann man noch bis 20.1.19 eine Ausstellung zum Thema besuchen. Unda Hörner, Autorin zahlreicher Bücher über interessante Frauen, erzählt anhand von Persönlichkeiten wie Hannah Höch, Rosa Luxemburg, Käthe Kollwitz und Coco Chanel von den politischen, künstlerischen und gesellschaftlichen Umwälzungen des Nachkriegsjahres 1919.

Auch das schöne Hörbuch „Landschaft“, eine Gemeinschaftsproduktion von Poetin Ulrike Almut Sandig und dem ukrainischen Musiker Grigory Semenchuk habe ich zwar höchst angetan goutiert, aber leider nirgends davon kundgetan. Das tue ich jetzt und hier: Die Kombination aus Beats und Klangflächen, deutschen und ukrainischen Gedichten ist so faszinierend wie spannend – und geht über gefühlige Bekenntnisse zu einer wo auch immer verorteten „Heimat“ weit hinaus. Eher sind es Liebeserklärungen an Stimmungen und Momente – interessant zu wissen auch, dass im Deutschen und Ukrainischen das Wort Landschaft identisch ist.

Als die DVD „Amy Winehouse – Back to Black“ ins Haus flatterte, war ich sehr begeistert und bin es noch. Die DVD besteht aus zwei Teilen: Einer Dokumentation zur Entstehung des legendären Albums „Back to Black“ inklusive Interviews mit Mark Ronson und verschiedenen Musikern; Teil zwei ist ein Livemitschnitt eines halbstündigen Clubkonzerts, das am 10. Februar 2008 in London stattfand – dem Tag, als Amy fünf (!) Grammy Awards gewann, wegen ihrer Drogengeschichte aber nicht in die USA einreisen durfte, um die Preise persönlich in Empfang zu nehmen. Das Konzert zeigt Amy in prima Verfassung, sie singt ein Stück von den Specials und ach, ach, ach. Schön, dass dieses Dokument aufgetaucht ist.

Die beiden hier gezeigten nicht besprochenen LPs schmerzen mich besonders, weil sie besonders gut sind: „Alles vor und nach dir“ von der Hamburger Band Le Roi et Moi (ja genau, wie der Film mit Yul Brynner) klingt so leicht und locker soulful-elektropoppig, dass es nichts als Freude macht. Aber zum Glück haben Platten ja kein Verfallsdatum, sondern kommen umstandslos mit ins nächste Jahr – wie auch „No Place for a Man“ vom Stuttgarter Duo Mondo Sangue, das sich vor einiger Zeit mit dem Fake-Soundtrack zu einem Kannibalenfilm namens „L’Isola dei dannati“ schwer beliebt gemacht hat. Ihr 2018er Score zu einem nie gedrehten Spaghetti-Western ist genauso überzeugend, nicht zuletzt durch den Gesangsbeitrag eines berühmten Berliner Arztes namens Bela B.

CDs hab ich genauso lieb wie Vinyl: Die aktuellen Alben von Macy Gray („Ruby“ – sehr lebendig, soulig, poppig, reggaelastig, inklusive Duett mit Meghan Traynor), Barbra Streisand („Walls“ – neue Songs UND Coverversionen von u.a. „Imagine“ und „What the World Needs Now“) und vor allem der australischen Band Parcels, die wie Air, Daft Punk und Phoenix in einem klingt, also herrlich, hätte ich gern ausgiebiger besprochen, allein, es sollte nicht sein.

Dafür an dieser Stelle wenigstens ein Video mit einem meiner liebsten Lieblingslieder 2018 und keine guten Vorsätze für 2019 (außer diesen Blog besser zu pflegen) – in das ich jetzt gelöst und entspannt hineinfeiern kann 🙂

 

 

 

 

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Fliegl & Mohr talkin‘ ‚bout: Kitty, Daisy & Lewis: Superscope

Kitty Daisy & Lewis – SUPERSCOPE (Sunday Best)
http://www.kittydaisyandlewis.com

MF:
Da ist sie also, die herbeigesehnte vierte Scheibe der Durham-Geschwister aus dem Londoner Stadtteil Camden Town. Die Herbsttour steht kurz bevor, da will man sich nicht lumpen lassen und neues Songmaterial unters geneigte Volk streuen. Die Geschwister haben sich ein ehemaliges indisches Restaurant in ein Studio umgebaut und zwar praktischerweise mit eigenen Wohnungen.
Heißt, man kann quasi immer wenn’s das Schwein pfeift mal eben nachts oder tags runter ins Studio was aufnehmen. Kommt mir irgendwie wie eine Musikerversion des „The Family that lays together stays together“ – Cartoons von Dirty Old Robert Crumb vor.
Könnten Sie, liebe Misses Mohrdorf, sich ein optimaleres Arbeitsumfeld vorstellen?

CM:
Also ehrlich gesagt konnte ich mir nicht vorstellen, dass mich ein neues Album von Kitty, Daisy & Lewis nochmal so vom Hocker hauen könnte wie ihre früheren, allen voran mein Liebling „Smoking in Heaven“. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine junge Band (…mit solchen Eltern! Aber über die Familienbande ist ja schon genug geschrieben worden), die sich der Bewahrung und Neudefinition historischer Musikschätze verschworen hat, irgendwann an einen Punkt gelangt, ab dem man auf der Stelle tritt. Das kann ja eine sehr geile Stelle sein – what’s so funny about Rock and Roll? -, aber dieser Punkt scheint mir nun erreicht zu sein. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Viele Songs auf „Superscope“ mag ich sehr, vor allem, wenn die drei Sweeties in Siebzigerjahre-Funk schwelgen oder klingen wie eine juvenile Version von Suzi Quatro – inzwischen hat auch die Glam-Ära Einzug in das Durham’sche Crate-Digging gehalten, man höre z.B. „Down on my Knees“ oder „Black Van“. Bin echt gespannt, wie sich das anhört, wenn sie in den Achtzigern und Neunzigern ankommen – kleiner Scherz. Aber im Ernst: Ich weiß ja von einigen Konzertbesuchen mit Ihnen, Monsieur Fliegler, wie unfassbar geil die drei Durhams live abgehen, immer wieder ein Hochgenuss, von dem man wochenlang Energie ziehen kann – aber für ihre Platten sollten sie sich bald mal was einfallen lassen, damit sie nicht als Untote aus einer längst vergangenen Zeit enden.

MF:
Es gibt, da darf ich Sie belehren, meine Liebe, wichtige Prinzipien, und es darf als sicher gelten dass unsere drei Lieblingsgeschwister sehr genaue haben, weshalb nichts daran auszusetzen ist, wenn sie diese auch durchzuziehen.
Verständlich, dass man dazu neigen kann, hier eine Stagnation erkennen zu wollen, beileibe kein neuer Einwurf (Vorwurf möchte ich nicht gelten lassen).
Im Prinzip könnte man sagen: eine songwriterische Fortsetzung der „The Third“, darauf könnten wir uns einigen. Es fehlt jetzt allerdings der Produzent (bei der letzten Platte: Mick Jones), folglich klingt alles wieder etwas reduzierter, falls das überhaupt geht.
Ein derart hochbegabtes Geschwistertrio muss als absolut schützenswertes Kleinod eingestuft werden, das braucht ein Refugium, was möglichst die allzu groben Unbilden des Lebens außen vor lässt, dazu sind diese drei viel zu kostbar.
Insofern bin ich überaus froh, dass da ein Musikbiotop, ein familiäres Gewächshaus entstanden ist, welches der digitalen Welt eine lange Nase dreht. Das speist für mich einen Born steter Freude, irgendwie fühle ich mich schon als der hessische Onkel, der aus der Ferne mit zu schaut wie sich diese drei entwickeln, und – of course -, das tun sie!
Das neue Musikvideo „Down On My Knees“ macht ja einen Riesenspaß, und: immerhin haben sie erstmals einen Minimoog eingesetzt!
Also ich würde da schon aus musikalischer Sicht eine Entwicklung sehen, sehr dezent, wohlgemerkt, aber vorhanden.

CM:
Das mit dem Biotop stimmt natürlich – es ist großartig und bewundernswert, wenn junge Leute ein Erbe fortführen, ohne das wir alle nicht hier wären (ich übertreibe ein wenig…). Andererseits: Sooo jung sind die Durham-Geschwister inzwischen auch nicht mehr. Das Trio bewegt sich rasant auf die 30 zu, und sollte aufpassen, dass ihr Biotop nicht umkippt… Jedenfalls wird ihr Youngster-Bonus-Status bald aufgebraucht sein, und dann sind sie „nur“ eine Band, die auf alten Instrumenten alte Musik macht. Was vor zehn Jahren umwerfend und charming war, wirkt demnächst vielleicht nicht mehr ganz so erfrischend.
Und jetzt muss ich doch mal auf ihre Mom Ingrid Weiss zu sprechen kommen, die mit Ana da Silva, Gina Birch und der legendären Palmolive (Ex-Slits) in der Postpunk-Band The Raincoats spielte und damals wirklich neue Wege beschritt – möge ihr revolutionärer Keim auch in ihren Nachkommen aufgehen!
Ich wäre auf eine Entwicklung der Durhams jedenfalls sehr gespannt, denn dass die drei es in jeglicher Hinsicht total drauf haben, ist ja klar.

MF:
Es war ja klar dass die Popmusik-Chronistin in Ihnen weiterhin in eben dieses Horn stößt, diesen Kritikansatz haben ja auch schon andere Zunftkollegen wenngleich auch schon ungleich drastischer ins Feld geführt, und da setze ich jetzt den Hebel an: Entwicklung hieße also etwas anderes machen wie das was einem offensichtlich diebischen Spaß bereitet, um des krampfhaften Erhaltens eines avantgardistischen Status Quo? Es gibt zwar Musiker die so ticken, aber muss man das? Ich kann hier absolut kein Anbiedern an irgendwas erkennen, geschweige denn Stagnation oder Rückentwicklung sondern einen überzeugend gelebten Style, eine verinnerlichte Lebenseinstellung. Für mich imponierend, eine verlässliche Größe, es kann, darf und muss auch solche Künstler geben, da bestehe ich drauf.
Ich meine, ein Chuck Berry hätte im Leben nicht nötig gehabt an sich zu arbeiten.
Sie bemerken, ich bin kein Fan von Künstlern die sich ständig neu erfinden müssen, nehmen wir den seligen David Bowie, irgendwie habe ich ihm immer das Ablegen des Alter Ego Ziggy Stardust übel genommen weil er später z.T. grauenvolle Popsongs gemacht hat und mir nie wieder so gut gefallen hat wie damals.
Es ist ja jederzeit möglich, dass irgendetwas den Kosmos dieser drei sprengt, ich hoffe das ist nicht der Fall, angesichts einer immerwährend irgendwelchen Trends hinterherhechelnden Popzirkuswelt bin ich froh über eine Band wie Kitty Daisy & Lewis, die auf Digitalität bewusst verzichtet.
Ich habe bisher auch bewusst auf das böse V-Wort* verzichtet, ist mir zu abgenudelt und weil ich hier die Sehnsucht nach etwas Echtem zu erkennen glaube und nicht bloß einen Retrotrend.
Also freue ich mich auf die vom Gibson-Club ins Zoom verlegte Frankfurter Show und rate – wie immer – dazu, auf gar keinen Fall durch Abwesenheit glänzen zu wollen, der dort vorherrschende Spaßfaktor ist einfach unbezahlbar.

CM:
Soll ich das so stehen lassen?
Ich lass‘ das mal so stehen 😉

… und über David Bowie und andere wandelbare KünstlerInnen (Sie wissen, auf wen ich hinaus will) und sogenannte „Echtheit“ im Pop reden wir ein anderes Mal!

*Was ist das „böse V-Wort“?? Vintage?

Tour:

3rd November – Hamburg, GER – Große Freiheit 36
4th November – Dresden, GER – Tante JU
5th November – Frankfurt, GER – Zoom
7th November – Cologne, GER – Stollwerck
8th November – Berlin, GER – Columbiahalle
9th November – Munich, GER – Technikum

 

Fliegl & Mohr talkin‘ ‚bout: Imelda May, Life Love Flesh Blood

Fliegl & Mohr talkin‘ ‚bout:
Imelda May: Life Love Flesh Blood
(Decca/Universal)

Video “Call Me”:

Mohr: Es heißt ja immer, wenn Frauen was mit ihren Haaren machen, ändern sie ihr Leben – und genauso war es auch bei Imelda May, die zehn Jahre lang im stilechten, beinah comichaften 50s-Outfit inclusive Tolle gute alte Rockabilly-Zeiten hochleben ließ. 2015 ging ihre Ehe mit Gitarrist Darrel Higham in die Brüche, der nach der Scheidung auch Imeldas Band verließ. Nach kurzer Schock- und Trauerphase beschloss die irische Sängerin, buchstäblich neue Saiten aufzuziehen, der Rockabilly-Stil in Look & Sound kam ihr ohnehin verstärkt wie ein Korsett vor – auch wenn sie betont, dass sie Rockabilly immer geliebt habe und das bis heute tut. Aber klar, irgendwann ist mal Zeit für Veränderung, und für Miss May war der Punkt erreicht, eine andere musikalischer Richtung einzuschlagen.

Nun ist es sicherlich eine Frage der Einstellung und des Geschmacks, ob man Rockabilly und Rock’n’Roll für weniger geeignet hält, die persönliche Situation als gereifte Frau und Mutter abzubilden als andere Stile – und genau betrachtet entfernt sich Imelda May mit „Life Love Flesh Blood“ gar nicht sooo weit von ihren früheren Platten. Auf dem neuen Album schwelgt Imelda in Retro-Arrangements mit Blues-, Soul-, Gospel- und Jazzelementen, Produzent T Bone Burnett lässt Imelda alle Freiheiten innerhalb eines überwiegend nostalgischen Settings. Aber was soll man sagen? Die neuen Songs sind großartig, vor allem, weil Imeldas voluminöse Stimme noch besser zur Geltung kommt als früher. In Stücken wie „Call Me“, dem atmosphärisch aufgeladenen „Sixth Sense“ oder „Bad Habit“ zieht sie alle Register ihres Könnens, ihrer irischen Heimat setzt sie mit „The Girl I Used To Be“ ein emotionales Denkmal. Imeldas Wunsch nach Veränderung drückt sich in höchst leidenschaftlichem Einsatz aus, was ja nicht bedeutet, dass sie nicht mehr rocken will (siehe/höre z.B. „Leave Me Lonely“).

Als Gastmusiker zu diesem gelungenen Veränderungsprozess hat sie Jeff Beck und Jools Holland eingeladen, zur Band gehören nun Marc Ribot, Zach Dawes und Jay Bellerose – sieht alles sehr gut aus für Imelda, auch ihre Frisur!

Fliegl:
Tja, liebe Christina, bei der von Dir geschilderten ganzen Sachlage kommt mir nun die Rolle des – sagen wir mal – leicht indisponierten Liebhabers zu.
Es verhält sich in etwa so, wie wenn die Herzensdame aus dem natürlich viel zu langen Urlaub zurück ist und mit diesem verunsichernd ungewohnten Look um die Ecke kommt, sich vor Dich stellt und sagt : „da bin ich, that’s it now, find’s gut oder sieh zu wie du klar kommst, Herzchen.“
Ich meine, hey, hätte sie mich nicht mal fragen können was ich davon halte?!?
Naive männliche Weltsicht, auch klar.

Okay okay, sie ist ja alt genug, klar darf sie das, sieht ja auch immer noch supergut aus, aber ist das jetzt noch MEINE Imelda? Die mich sirenenartig in jeden Himmel und jede Hölle gelockt hätte, der ich wie ein Lemming in den Abgrund gefolgt wäre, deren Anblick und schiere Extravaganz mir allein schon Schweißperlen auf die Stirn trieb?!?

Also mach ich jetzt einfach das, was man uns Männern immer vorwirft zu selten zu tun: ich höre ihr jetzt einfach mal ganz unbefangen zu, was sie so umtreibt, vielleicht kann mich ja ihre Stimme beruhigen.

Los geht’s mit dem softsouligen Opener CALL ME, der ist mir schon mal zu belanglos.

Doch bei Nr. 2 kommt hier jetzt in BLACK TEARS mein persönlicher Guitarking Jeff Beck ins Spiel, mit gebremstem Schaum zu einer sehr verträumten Barstool-Nummer, ah,  jetzt: es taucht ein schummriger Nachtclubfilm vor meinem geistigen Auge auf, ein leicht schimmerndes Satinkleid mit Spaghettiträgern und farbgleichen hauchzarten Handschuhen. Oh yes I can hear you Dear !

Das folgende mir zunächst etwas schwelgerisch erscheinende SHOULD’VE BEEN YOU entpuppt sich beim Nachhören als ein absolut poptauglicher Song, der sich vor nichts und niemand verstecken braucht.

Track 4, SIXTH SENSE, kommt in einem jazzig-balladesken Look daher, das folgende HUMAN könnte original im Pop-Radio laufen, jedoch lässt die latin-artig instrumentierte Ballade HOW BAD CAN A GOOD GIRL BE die gestellte Frage ungeklärt im Raum stehen. Das war sie also, die A-Seite, da fehlt mir der Pfeffer, da ist aber Luft nach oben.

Zum Glück wird auf Seite 2 nachgelegt, hier mit der vielleicht noch am ehesten nach der Imelda von gestern klingenden selbstironischen Hommage an die shopping-affine Damenriege, BAD HABIT, es herrscht textliches Interpretationspotential vom Allerfeinsten, ich greife da besser wohl nicht vor, liebe LeserInnen.
Es folgt das Nachtbar-kompatible LEVITATE, eine sehnsüchtig-bittersüß vorgetragene Ballade, die einen in eine durchaus tageszeitunabhängige träumerische Melancholie versetzen kann.
Mit WHEN IT’S MY TIME kommt eine getragene New-Orleans-Nummer hammondschwelgerisch langsam schaukelnd einher, so wie ein feierlicher Dixieland-Trauerzug, das ganze Menue wird alsdann von ihrem prominenten Begleiter Jools Holland am Piano mit Zimt und Chili gewürzt und hinterlässt einem den Geschmack des alten Baumwollpflücker-Südens in der Kehle.

Als folgender Cocktail kommt der leidenschaftlich-magische Soul-Stampfer LEAVE ME LONELY welcher mir einen angenehm ohrwurmtauglichen Refrain hinhält, hier, mein Junge, leck mal dran, hmmm!
Wie ein finaler Digestiv besiegelt die selbstreflexiv vorgetragene Ballade THE GIRL I USED TO BE schliesslich das angerichtete Vintage Cuisine Menue.

Nach einem angemessenen Verdauungsnickerchen verbleibt der nicht ganz unvorbereitet vor vollendete Tatsachen gestellte Rezensent und Imelda-Verehrer etwas milde gestimmt wenn auch nicht wirklich zufrieden in seinem Fazit.

Hier schließe ich mich gerne der lieben Misses Mohr an: es darf einen nicht verwundern und ist wohl, sagen wir mal, normal, wenn eine gereifte Frau ernsthafter daherkommen möchte und sich neu tariert. Sie spielt ja auch mit genügend Musikergrößen mittlerweile, hat ordentlich Reputation gesammelt und eine fantastische, zutiefst bezaubernde Stimme, und aufgrund der letztlich überzeugenden B-Seite der LP kommt hier auch eine respektable Publikation daher, die eine vollzogene Richtungsänderung im musikalischen Leben der Misses May markiert.
Bei mir persönlich verbleibt trotzdem ein gewisser Leerraum, den eben genau die abgelegte Rockabilly-Lady-Attitüde passabel ausgefüllt hatte. Mit der Zeit wird aber auch diese Leere mit anderen Inhalten versehen werden, soviel Lebenserfahrung muss man haben.

Eine so erwachsene gereifte Künstlerin wird ihren Weg machen, da habe ich keine Zweifel. Diese zittrige teenagernervöse Verehrung, die vorher in mir war wird es allerdings so nicht mehr geben, auch da bin ich mir ziemlich sicher.

Die Buchprokrastiniererin

Als vor Jahren ein Freund in meinem Bücherregal in Folie verpackte Exemplare fand, stammelte er fassungslos: „Also das ist ja… unglaublich… ein Sakrileg! Eingeschweißte Bücher im Regal – wie furchtbar!“
Ich antwortete, dass ich das keineswegs schlimm fände, im Gegenteil: die verpackten Bücher seien doch eine Verheißung, ein Versprechen auf noch nicht gewusstes Wissen oder noch nicht erlebte Geschichten. Außerdem würde ich sowieso bezweifeln, dass Leute mit besonders großen Bibliotheken alle Bücher tatsächlich gelesen hätten. Mein offenes Bekenntnis zum (noch) nicht gelesenen Buch dagegen sei doch näher an der Wahrheit dran.
Der Freund zog die Augenbrauen hoch und war nicht überzeugt. Und was soll ich sagen: Die damals noch eingeschweißten Bücher sind das bis heute. So viel zur Verheißung.

Oben beschriebene Szene betrug sich zu einer Zeit, als ich mich noch nicht als Laien-Pop-Journalistin betätigte, also noch nicht im großen Stile Rezensionsexemplare anforderte, die den heimischen Bestand noch mehr anwachsen lassen. Im Moment plagt mich das schlechte Gewissen in Gestalt dieses Stapels:

Lauter tolle, wichtige Bücher über Pop, Mode, Feminismus, yeah!  Einige schon angelesen, zwei noch nicht mal ausgepackt, aber immerhin zu thematischen Clustern zusammengeführt, siehe Beitragsbild. Ich hatte/habe einiges mit ihnen vor: Ich wollte und will immer noch Tim Mohrs (huhu, Namensgenosse!) leider ziemlich aufgeblähtes und wenig stringentes Buch über Punk in der DDR dem knackigen, griffigen und sinnfälligen „Pop 16. 100 Jahre produzierte Musik“ von Florian Sievers und Detlef Diederichsen und Tim Lawrences wirklich großartigem Buch (das hab ich tatsächlich schon zur Hälfte durch)  „Life and Death on the New York Dance Floor, 1980 – 1983“ in einem witzigen und kenntnisreichen Artikel gegenüberstellen, die höchst diversen Ansätze der Autoren, über Musik zu schreiben, definieren und vielleicht sogar zusammenführen. Wer weiß – das Thema hat großes Potenzial, so eine Besprechung würde ich wirklich gerne lesen, sollte mal jemand schreiben!

Auch gerne lesen würde ich den lang in mir herumgetragenen und wieder verworfenen Text über Gunter Erbes neues (naja…) Buch über den modernen Dandy (u.a. David Bowie,  Sebastian Horsley, Quentin Crisp – im Grunde erläutert Erbe hauptsächlich, wer alles kein Dandy ist; so viel habe ich immerhin schon mitgekriegt) in Kombination mit dem bei W. Fink erschienenen Reader „Die Lust zu Gehen“ über Flaneurinnen UND Barbara Vinkens inzwischen zu Recht zum Klassiker avancierten Buch „Blumen der Mode“ – muss halt nur erstmal geschrieben werden. Aber wäre das nicht interessant? Dandys, Flaneurinnen und Mode im Spiegel der Jahrhunderte? Und dann vielleicht noch was fürs Auge dazu, den großartigen Bildband „The Silver Age“ zum Beispiel mit Fotos des New Yorker Factory-Fotografen Billy Name, dessen Todestag sich jüngst zum ersten Mal jährte. Achtung, Spoiler: Names Bilder von Edie Sedgwick, Andy Warhol, Brigid Berlin oder John Cale sind wundervoll und glamourös, eigentlich die tollsten Fotos aus Warhols Factory.

Etwas unverbunden, aber dennoch interessant und lesenswert sind Gloria Steinems Autobiografie „My Life on the Road“ – schon jetzt ein Meilenstein der feministischen Literatur – und die gerade im Verbrecher Verlag erschienene Anthologie über Tanz im Film (zum Inhalt kann ich  noch nichts sagen: Das Buch ist ja noch eingeschweißt, tsss…), dessen Herausgeberinnenschaft nur das Beste verspricht.

Tja. Also Lawrence hat gute Chancen, durchgelesen und vielleicht sogar besprochen zu werden. Falls ich es nicht schaffen sollte: Besorgt es euch trotzdem unbedingt, es ist (sicherlich, vermute ich jedenfalls) eins der wichtigsten, lebendigsten, lesenswertesten Bücher zum Thema Disco-Kultur. Tim Mohr wird dagegen wohl im Mohr’schen Warteraum der un- und angelesenen Bücher verstauben. Gunter Erbe hat immerhin schon einen Platz im Regal sicher (in der Dandy-Ecke natürlich), die Flaneurinnen habe ich schon fast durch (na ja, das Kapitel, in dem Christiane Rösinger vorkommt; und Maren Lickhardts Ausführungen zu Irmgard Keun und Klaus Mann); Billy Names „Silver Age“ ist die Zukunft als Coffeetable-book gewiss;  Tanz im Film und Gloria Steinem stehen ganz oben auf der Liste der „Kofferbücher“, der Titel also, die mit in den Urlaub dürfen. Ob sie dort wohl gelesen werden… ich wünsche es ihnen sehr!

Barbie – The Icon

Mein persönlicher Lackmustest für dieses Buch war: Würde meine heißgeliebte Hawaii-Barbie auch vertreten sein? Nach kurzem Blättern fand ich sie, Baujahr 1977, in der Rubrik „Barbies of the World“: Hawaii Superstar Barbie, wunderschön, und im Buch mit ihrem Original-Bastrock, der meiner knapp 40-jährigen treuen Begleiterin leider schon vor einiger Zeit vom Leib gebröselt ist. Damit sie sich auch mal mit etwas anderem beschäftigt als mit ihrer Garderobe, habe ich die Hawaii-Barbie ins Bücherregal zu den Riot Grrrls gesetzt:

barbee

Kaum ein Spielzeug ist so umstritten, verhasst und verfemt wie die gute alte Barbie-Puppe, die in diesem Jahr ihren 57. Geburtstag feiert, inzwischen also die wilden Jahre hinter sich gelassen hat. Erfunden wurde sie vom amerikanischen Ehepaar Ruth und Elliot Handler und deren Freund Harold Matson, die gemeinsam die Firma Mattel gründeten – Barbies voller Name lautet übrigens Barbara Millicent Roberts, nur falls euch Günther Jauch mal die Millionenfrage stellen sollte.

Barbie war keineswegs die erste Ankleidepuppe der Welt, die ersten ihrer Art gab es schon im 13. Jahrhundert (in Frankreich selbstverständlich). Doch Barbie war von Anfang an eine Frau von Welt: In den frühen 1960er Jahren orientierte sie sich modisch an Jackie Kennedy, und schon bald wurde Barbie von namhaften Designern eingekleidet, die sich darum rissen, Outfits für die junge Schöne zu kreieren. Die Modewelt war nicht das einzige Aktionsfeld für Barbie, es gab sie auch im braven Hausfrauen-Dress zu kaufen. Epigoninnen gab es zuhauf, von Sindy aus den Seventies bis zu den zeitgenössischen Bratz – alle wollen von Barbies Fame etwas abhaben, aber: Das Original blieb und bleibt unerreicht.

Was hat man ihr nicht alles vorgeworfen: Ein unrealistisches Körperbild würde durch die Puppe propagiert (Forscher haben mal die Puppenmaße auf Menschengröße hochgerechnet: Eine so gebaute Frau würde schlichtweg vornüber kippen), ihre Outfits und Themenwelten würden gesellschaftliche Klischees reproduzieren, sexistische und rassistische sowieso (siehe Hawaii-Barbie). Klar, über all diese Dinge lohnt es sich, nachzudenken. Aber meine Hawaii-Barbie und die anderen Schönheiten, die ich besaß und die den Weg alles Spielzeugs gingen (Mülltonne, Flohmarkt, Spende an Kindergarten), mussten auch ganz schön was aushalten: Haare wurden gefärbt und geschnitten, mit Edding wurde Permanent-Make-up aufgetragen, Kleider zerschnipselt und von Oma geflickt oder neu genäht. Barbie kämpfte mit Playmobil-Bauarbeitern, Transformer-Figuren und Monchichis, ihre Glieder wurde von groben Mitschülern verdreht und ausgekugelt, sie wurde im Sandkasten verbuddelt, im Planschbecken ertränkt, und, die schlimmste Schmach: für ein Tütchen Lakritz an die kleine Schwester der besten Freundin verkauft, weil man sich inzwischen zu erwachsen für Doktorspiele mit Barbie und ihrem asexuellen Freund Ken fühlte.

Klar, Barbie und ihre Verwandten (Skipper!, Francie!, Kelly, Krissie, Stacey, Shellie!) bieten jede Menge Angriffsfläche, viele Gründe, sie schrecklich, zumindest zweifelhaft zu finden. Obwohl ihre MacherInnen sich wirklich bemühen, neben den glamourösen Model- und Fantasy-Welten mehr globalen Realismus ins Produkt einfließen zu lassen: Inzwischen gibt es unter dem Label „Barbie evolves“ auch dicke Brillenträgerinnen, verschiedene Hautfarben und Augenformen sowieso. Doch internationales Erfolgsmodell wird die dünne, hochbeinige Blondine bleiben, da muss man sich nichts vormachen.

Andererseits bietet kaum ein Spielzeug so viele Möglichkeiten zum kreativen Austoben – trotz oder wegen ihrer hemmunglosen, geradezu warhol’esken Oberflächlichkeit. Diese Eigenschaft haben viele KünstlerInnen erkannt (nicht nur die Modeschöpfer von Gucci über Lagerfeld bis Versace) und Barbie in ihrem Werk verarbeitet. Barbie – The Icon? Aber ja, natürlich: Der italienische Kunstprofessor Massimiliano Capella hat nun im New Yorker Verlag Glitterati Inc. ein angemessen prachtvolles Buch (mit stylishem schwarz-weiß gestreiftem Lesebändchen!) veröffentlicht, das üppig ausgestattetes Coffee table book und enzyklopädisches Kompendium in einem ist. Hunderte von knallbunten Abbildungen, eine Zeitleiste, Überblick über die verschiedenen Designer, die Barbie Haute couture auf den Plastikleib schneiderten, alle Verwandten, Produktlinien und zeitgemäßen Veränderungen werden gezeigt und erklärt – es wird sogar ein Blick in die Fabrik geworfen, man sieht Barbie ungeschminkt, in erschütternd verletzlicher, halbfertiger Form.

Was ich sagen möchte: Barbie ist nicht verantwortlich für das Unglück dieser Welt. Im Gegenteil, Mädchen wie dir und mir zeigte sie, dass es noch was anderes gibt außer Rittern, Matchbox, Dinos, Prügeleien.

Zum Autor:
Massimiliano Capella is a scholar of art and fashion, director of the Arte/Moda Archive of the Centro di Arti Visive at the University of Bergamo, and the curator of Arte & Moda section of the monthly Il Giornale dell Arte.

Massimiliano Capella: Barbie – The Icon (Glitterati Incorporated 2016)
ISBN: 
978-1-943876-11-2
208 pages,9.8” x 12.6” hardcover w/acetate jacket and ribbon marker with dangler
336 4-color artworks 

BARBIE THE ICON by Massimiliano Capella

 

Okay, das gehört auch dazu:
Aqua, Barbie Girl
http://www.clipfish.de/musikvideos/video/3213509/aquabarbiegirl/

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

Ein Buch, das von Antje Rávic Strubel übersetzt wurde, kann gar nicht schlecht sein, war mein erster Gedanke, als ich die Verlagsankündigung zu Lucia Berlins erstmals auf Deutsch erschienenen Stories las – außerdem: Eine Frau, deren echter Name Lucia Berlin lautet, wird schon interessante Dinge zu erzählen haben. Dazu der Titel des Bandes: „Was ich sonst noch verpasst habe“ – was da alles mitschwingt. Lakonie, Lebensüberdruss, gleichzeitige Vergnügungssucht… sehr verlockend, wie ich fand. Und was soll ich sagen? Lucia Berlin ist eine echte Entdeckung, ihre Geschichten unaufgeregt erzählt bei größtmöglicher vorstellbarer Dramatik.

Lucia Berlin wurde als Lucia Brown 1936 in Alaska geboren und starb 2004 in Marina del Rey (Buddy Berlin war ihr dritter Ehemann). Geschrieben hatte sie seit den 1960er Jahren, ungefähr zwanzig Jahre lang, Kurzgeschichten und Artikel u.a. für The Atlantic. Ab 1994 lehrte sie creative writing an der Universität von Boulder, Colorado. Ihr Leben ist reich an Unglücksfällen, Krankheiten und allerlei privaten Verstrickungen, die in ihre Erzählungen einfließen: Als Zehnjährige erkrankte Lucia an Skoliose, was sie dazu zwang, jahrelang ein Korsett zu tragen, das ihr Rückgrat aufrecht hielt. Diese so schmerzhafte wie demütigende, essenzielle Erfahrung ist Inhalt einiger Stories, die ihre Schulzeit (bzw. des dargestellten Mädchens) behandeln. Körperliche Versehrtheit kommt als Thema immer wieder vor, wird aber nicht als Kuriosum herausgestellt (das übernehmen ja die Mitmenschen zur Genüge). Gebrechen gehören zu Berlins Leben wie Alkohol- und andere Süchte, Entzug, Krankenhäuser, Arztpraxen, scheiternde Beziehungen, schwierige Mütter-Töchter-Konstellationen, sexueller Missbrauch von Verwandten, tot geborene Babies, Gewalt, Einsamkeit, Armut, Verzweiflung – die ganze Beschissenheit der Dinge eben, mit Würde erzählt. Das titelgebende Zitat stammt aus der Geschichte „Nach Hause finden“, in der die Erzählerin eine Sauerstoffflasche tragen muss, was sie zum tatenlosen Herumliegen auf der Veranda zwingt. Sie beobachtet einen Schwarm Krähen, der täglich zur selben Zeit wie auf ein geheimes Kommando „seinen“ Baum verlässt. Die Erzählerin ist weniger davon irritiert, dass die Vögel dies tun, sie ist geradezu verärgert, dass ihr dieses Phänomen zufällig aufgefallen ist – „Was habe ich sonst noch verpasst? Wie oft war ich in meinem Leben gewissermaßen auf der hinteren Veranda statt auf der vorderen? Was hat man mir gesagt, ohne dass ich es hörte? Welche Liebe mag es gegeben haben, die ich nicht spürte?“ Das Große Ganze im Kleinen/im Alltag zu entdecken ist eine der herausragenden Fähigkeiten Lucia Berlins. Manchmal sind die Begebenheiten von grausamer Wucht und Drastik – wenn man den letzten Satz hat sacken lassen und erst richtig kapiert, wovon da eben die Rede war. In „Mijito“ ist das zum Beispiel so: Aus zwei Perspektiven (Krankenschwester / junge mexikanische Mutter) wird die sehr kurze Lebens- bzw. Leidensgeschichte eines Säuglings erzählt. Am Ende ist er tot, zu Tode geschüttelt von der Mutter – wie es dazu kam, fügt sich wie beiläufig aus den zwei Stimmen. Die junge Mutter ist keine kaltblütige Mörderin, sondern Opfer ihrer Lebensumstände, „fuck a duck“ ist der einzige englische Satz, den sie sagen kann. Weniger traurig, eher von Tragikomik durchzogen ist das „Handbuch für Putzfrauen“ – lebenswichtige Tipps aus der Praxis, beim Lesen wird natürlich klar, in welch himmelschreiend ungerechtem Gesellschaftsgefüge diese Story angesiedelt ist. Realität in Berlins Leben und in dem ihrer ProtagonistInnen.

Übersetzerin Strubel schreibt über Berlin: „Lucia Berlin ist eine Melancholikerin, die das Lachen nie verlernt hat; das Absurde in der Verzweiflung sehen, im Schrecklichen das Schräge, darin ist sie groß.“

Nehmt das als unbedingte Leseempfehlung.

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe. Stories (Arche, 383 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag)

Herausgegeben von Stephen Emerson, übersetzt von Antje Rávic Strubel

http://www.dtv.de/buecher/berlin_was_ich_sonst_noch_verpasst_habe_812742.html

Punk & Noise from the U.S. of A.

Chaos in the City of Angels and Devils. Hollywood from X to Zero & Hardcore on the Beaches: Punk in Los Angeles 1977 – 81 (Soul Jazz Records)
https://soundsoftheuniverse.com/

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Los Angeles ist wohl die mythenumwobenste Stadt der Vereinigten Staaten, und das nicht nur wegen Hollywood: Die Manson Family, Westcoast-Sound, Gangsta Rap, N.W.A., Phil Spector, Frank Zappa, Rodney Bingenheimer, Timothy Leary, L. Ron Hubbard, Captain Beefheart, The Runaways und Kim Fowley stammen aus der „city of angels and devils“ und sind doch nur Bruchteile dieser diversifizierten und glorifizierten Metropole. Und natürlich gab und gibt es auch eine eigenständige Punkszene, die sich bewusst von den Eastcoast-Kontrahenten aus New York abhob. Notgedrungen, denn Punk aus L.A. wurde von der Plattenindustrie weitgehend ignoriert – was dazu führte, dass viele Bands abwanderten und ihr Glück an der Ostküste versuchten. Diejenigen, die blieben, sind mitverantwortlich für eine der trotzigsten und eindrucksvollsten Punk-Szenen der Welt: Bands wie X, The Germs, The Zeros, The Urinals und The Weirdos gehören zu den bekanntesten Vertretern der sogenannten „ersten Welle“ der mittleren bis späten 1970er Jahre, die auf den zeitgleich entstandenen Independent-Labels Bomp!, What? und Dangerhouse veröffentlichten; in den Achtzigern formierten sich Hardcore-Bands wie The Circle Jerks, Adolescents und T.S.O.L.

Das Londoner Label Soul Jazz Records hat sich der Sicht- und Hörbarmachung unterschiedlichster Punk-Entstehungsorte und ihrer jeweiligen Besonderheiten verschrieben: In jüngster Vergangenheit erschienen hervorragend ausgestattete und zusammengestellte Compilations zu Punk aus Cleveland, Akron, zu Underground- und Proto-Punk und natürlich Punk aus Großbritannien. „Chaos in the City of Angels and Devils“ ist der sechste Sampler der Reihe und es überrascht beinahe, dass L.A. erst jetzt dran ist – andererseits ist es natürlich sinnvoll und lobenswert, Städte, deren kultureller Underground weniger Aufmerksamkeit genießt (wie z.B. Akron), vorzuziehen. Die L.A.-Compilation überzeugt mit breitgefächerter Auswahl von Früh- bis Hardcorepunk, man kann die Linie vom Urknall rund um den Masque-Club in Hollywood bis zum Skate- und Surfpunk der Beach-suburbs nachvollziehen – der Energiepegel bleibt 22 Tracks lang ungebrochen hoch. Wie immer bei Soul Jazz-Veröffentlichungen gibt es ein fettes Booklet mit wichtigen Details und tollen Fotos, die bezeugen, dass es im L.A.-Punk auch viele Frauen gab: Exene Cervenka als eindrucksvolle Sängerin von X, die junge Belinda Carlisle trommelte unter dem Pseudonym „Dotty Danger“ bei den Germs, und und und. Aus dem Westcoast-Punk im Nachhinein eine feministische Szene zu machen, ist allerdings doch zu weit hergeholt, die Mehrzahl der Punk-Protagonisten war männlich – dennoch: Der Sampler birgt neben den Bekannten (X, Iggy & The Stooges, Germs, The Dils) jede Menge Entdeckungen wie The Simpletones oder The Hollywood Squares.

X live:

 

New York Noise: Dance Music from the New York Underground 1977 – 1982

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Knapp 4.000 Kilometer Luftlinie bzw. 2.500 Meilen östlich von Los Angeles liegt New York – kann man entweder in ca. 40 Stunden mit dem Bus bewältigen oder in gut fünf Stunden via Flugzeug. Enorme Entfernung auf demselben Kontinent, nicht nur räumlich gesehen. Während der Punkrock von der Westküste wütend, hart und kompromisslos klang, experimentierten die New-York-City-Punks mehr herum, viele MusikerInnen kamen ohnehin von der Uni und waren mehr arty als knallhart. Clubs wie das CBGB oder Max’s Kansas City waren die Hauptversammlungsorte der Szene ab den mittleren Siebzigern, die populäre Acts wie Blondie, Talking Heads und die Ramones hervorbrachte – die allesamt wohl kaum als Hardcore gelten können. Aber auch: Früh-Elektro-Pioniere wie Suicide und Post-Prog-Bands wie Television. Als Kommentar, Gegen- bzw. Parallelbewegung zum allgegenwärtigen Punk entstand ab den späten 1970ern eine ungemein umtriebige Szene, die Punk mit Wave, Funk; Impro-Jazz und Disco mischte, dabei jedoch nie in den Ruch der Kommerzialität geriet. „No Wave“ hieß die Parole – und kein Geringerer als Brian Eno erkannte das kreative Potenzial dieser neuen, nervösen, unruhigen, nicht klassifizierbaren Musik und stellte 1978 den Sampler „No New York“ zusammen, auf dem Bands wie James Chance and The Contortions, Teenage Jesus and The Jerks und Mars vertreten waren – eine Auswahl, die nicht allen New Yorker Noise-MusikerInnen gefiel, warum überhaupt mischte sich Brian Eno hier ein? Doch Zwistigkeiten wie diese verhinderten glücklicherweise nicht, dass weiterhin scharfkantige Tanzmusik von intellektuellen KünstlerInnen wie Arto Lindsay, Alan Vega oder Helen Fordsdale gemacht wurde, die in keine Schubladen passten – egal, ob No oder No No New York. Bei Soul Jazz (schon wieder ;-)) erscheint nun die Neuauflage der vor bereits zehn Jahren veröffentlichten Compilation „New York Noise“ in beinah unveränderter Aufmachung und Auswahl. Aus Lizensierungsgründen fehlen auf der 2016er-Ausgabe leider die wegweisenden Liquid Liquid und ESG, deren Werk  man sich unbedingt gesondert zu Gemüte führen sollte. Nicht minder wegweisend und genauso wichtig und hörenswert sind natürlich auch alle anderen Bands und KünstlerInnen: The Dance, The Contortions, Bush Tetras, Mars, Dinosaur L (nicht Jr!), Lizzy Mercier Descloux, Implog, Konk oder Theoretical Girls. Auch in New York: viele Frauen in mover- und shaker-Position.

Bush Tetras: Too Many Creeps